Arabica-Varietäten: Was die Varietät wirklich über den Geschmack verrät

Ulrich Schwenkert

September 2026

Vier Schalen mit Kaffeebohnen von ungeröstet bis dunkel geröstet, daneben rote und gelbe Kaffeekirschen

Auf einer Packung Spezialitätenkaffee stehen heute erstaunlich viele Informationen: Herkunftsland, Region, Farm, Höhenlage, Aufbereitung – und irgendwo ein Name wie Caturra, Bourbon, SL28, Pacamara oder Gesha.

Dieser Name bezeichnet die Varietät beziehungsweise den Kultivar des Kaffees. Die Genetik einer Kaffeepflanze beeinflusst Wuchs, Ertrag, Krankheitsanfälligkeit, Reifeverhalten und das sensorische Potenzial ihrer Bohnen – den Geschmack bestimmt sie aber nicht allein. Höhenlage, Boden, Reifegrad, Aufbereitung und Röstung wirken ebenso auf die Tasse ein, und Studien mit Arabica-Genotypen zeigen signifikante Effekte von Genotyp, Standort und ihrer Wechselwirkung. Geschmacksangaben wie „Jasmin" oder „Schokolade" sind deshalb als häufig beobachtete Profile zu lesen, nicht als Garantie.

Dasselbe gilt für die Erntezeit. Sie ist vor allem eine Eigenschaft von Herkunft, Klima und Höhenlage, nicht der Varietät. Eine Caturra in Costa Rica wird zu einer anderen Jahreszeit reif als eine Caturra in Kolumbien.

Von Äthiopien in die Welt: die genetische Geschichte des Arabica

Coffea arabica stammt aus Äthiopien, wo bis heute die größte genetische Vielfalt der Art zu finden ist. Von dort gelangten Kaffeepflanzen nach Jemen und wurden dort als Nutzpflanze kultiviert.

Zwei Keramikschalen mit ungerösteten grünen Kaffeebohnen, daneben rote und gelbe Kaffeekirschen und ein Zweig mit mehreren Kaffeeblättern
Kaffee wird überwiegend als Rohkaffee gehandelt und gelagert, geröstet meist erst im Verbrauchsland. Das Erntejahr gibt einen groben Hinweis auf sein Alter.

Typica und Bourbon sind die beiden wichtigsten historischen Stammlinien des außerhalb Äthiopiens verbreiteten kommerziellen Arabica-Anbaus. Sie gehen auf einen vergleichsweise kleinen Teil des jemenitischen Materials zurück. Daneben existieren aber weiterhin äthiopische und südsudanesische Landrassen, ostafrikanische Selektionen und moderne Züchtungen mit ganz anderer Abstammung – Typica und Bourbon sind also nicht die „Eltern aller Arabicas". Genomanalysen bestätigen zugleich die ausgesprochen geringe genetische Diversität vieler kultivierter Arabicas.

Eine exakte Zahl an Varietäten lässt sich kaum angeben: Der Katalog von World Coffee Research (WCR) beschreibt 55 international relevante Arabica-Varietäten aus 15 Anbauländern, versteht sich aber ausdrücklich nicht als vollständiges Verzeichnis der genetischen Vielfalt. Allein in Äthiopien existieren zahlreiche Landrassen, die nie als eigene Varietät beschrieben wurden.

Typica – eine der historischen Stammlinien

Die Geschichte von Typica lässt sich ungewöhnlich gut rekonstruieren: Kaffeepflanzen aus Jemen gelangten nach Indien und von dort Ende des 17. Jahrhunderts nach Java; 1706 kam eine Typica-Pflanze von Java nach Amsterdam, ihre Nachkommen über die Kolonialrouten in die Karibik und nach Lateinamerika.

Typica wächst hoch, liefert wenig Ertrag und ist krankheitsanfällig, besitzt aber ein hohes Qualitätspotenzial. Die berühmte Jamaica-Blue-Mountain-Linie gehört zur Typica-Familie.

Anbauländer: Peru, Dominikanische Republik, Jamaika; Typica-verwandte Bestände finden sich außerdem in Mittelamerika und Indonesien.

Mögliche Geschmacksrichtungen: klare Süße, Karamell, Schokolade, Mandel, Zitrus, gelbe Früchte und florale Noten.

Bourbon – Süße, Balance und hohe Qualität

Bourbon entstand aus Material, das Anfang des 18. Jahrhunderts von Jemen auf die damals französische Insel Bourbon – heute La Réunion – gelangte und sich im 19. Jahrhundert nach Afrika und über Brasilien nach Lateinamerika ausbreitete.

Die Pflanzen sind ebenfalls hochgewachsen und krankheitsempfindlich; WCR bewertet ihr Qualitätspotenzial in geeigneten Höhenlagen als sehr hoch. Bourbon ist zugleich Ausgangspunkt mehrerer später enorm wichtiger Varietäten.

Anbauländer: El Salvador, Guatemala, Honduras und Peru. In Ostafrika existieren zahlreiche Bourbon-verwandte Populationen, die genetisch jedoch nicht unbedingt mit dem lateinamerikanischen Bourbon identisch sind.

Mögliche Geschmacksrichtungen: ausgeprägte Süße, Karamell, Nougat, Milchschokolade, rote Früchte, Steinobst und eine weiche bis lebendige Fruchtsäure.

Caturra – Bourbon im kompakten Format

Caturra ist eine natürliche Mutation von Bourbon, entdeckt zwischen etwa 1915 und 1918 im brasilianischen Minas Gerais. Eine einzelne Mutation bewirkt kompakteren Wuchs, sodass die Pflanzen dichter gesetzt werden können. Caturra wurde dadurch in Mittel- und Südamerika zur Standardsorte – obwohl sie stark rostanfällig ist, was ihre Rolle in Kolumbien inzwischen deutlich verändert hat (siehe unten).

Kaffeekirschen in Reifestadien von grün über gelb bis dunkelrot an einem Zweig; im Vordergrund eine Hand mit grünen Rohbohnen
Grüne, gelbe und rote Kirschen können am selben Zweig hängen. Selektiv geerntet wird deshalb von Hand, in mehreren Durchgängen.

Anbauländer: unter anderem Kolumbien, Costa Rica, Honduras, Guatemala, Nicaragua und Peru.

Mögliche Geschmacksrichtungen: Zitrus, Apfel, Zuckerrohr, Karamell, rote Früchte und bei guten Hochlandlots eine klare, lebendige Säure.

Derselbe evolutionäre Trick wiederholte sich zweimal unabhängig: Pacas (1949 in Santa Ana, El Salvador) und Villa Sarchi (Costa Rica, 1950er- oder 1960er-Jahre) sind ebenfalls kompakte Bourbon-Mutationen. Villa Sarchi ist zudem Elternteil der Sarchimor-Linien (siehe unten).

Anbauländer: El Salvador und Honduras (Pacas), Costa Rica (Villa Sarchi).

Mögliche Geschmacksrichtungen: Bourbon-typisch – Süße, Karamell, Steinobst, Zitrus und ausgewogene Säure; in Hochlagen mit klarerer Fruchtsäure.

Catuaí und Mundo Novo – brasilianische Erfolgsgeschichten

Mundo Novo entstand in Brasilien aus einer natürlichen Kreuzung von Typica und Bourbon, wurde in den 1940er-Jahren entdeckt und anschließend vom Instituto Agronômico de Campinas (IAC) selektiert – hochwachsend, kräftig und produktiv.

Anbauländer: Brasilien, in geringerem Umfang Mittelamerika.

Mögliche Geschmacksrichtungen: Nuss, Kakao, Karamell, Melasse und reife Früchte; meist kräftiger Körper und niedrige Säure.

Aus Mundo Novo und Caturra entwickelte das IAC später Catuaí, das die Produktivität des einen mit dem kompakten Wuchs des anderen verbindet. Spitzenlots können erheblich komplexer sein, als das klassische Profil vermuten lässt.

Anbauländer: Brasilien, Honduras, Costa Rica, Nicaragua, Guatemala.

Mögliche Geschmacksrichtungen: Schokolade, Nuss, Karamell, Honig und gelbe Früchte.

Maragogipe und Pacamara – wenn die Bohnen größer werden

Maragogipe ist eine natürliche Typica-Mutation, 1870 in Brasilien entdeckt, mit außergewöhnlich großen Blättern und Bohnen bei sehr niedrigem Ertrag. Große Bohnen bedeuten nicht automatisch besseren Kaffee; hochwertige Lots wirken aber ausgesprochen elegant.

Anbauländer: Nicaragua, Guatemala, Mexiko, Brasilien.

Mögliche Geschmacksrichtungen: floral, cremig, zitrisch, teeartig oder leicht würzig; sehr milde Säure.

Aus Maragogipe und Pacas entstand später Pacamara, entwickelt vom Instituto Salvadoreño de Investigaciones del Café. Da die Pedigree-Selektion laut WCR nie vollständig abgeschlossen wurde, ist Pacamara genetisch weniger einheitlich als die meisten anderen Kultivare.

Anbauländer: vor allem El Salvador, daneben weitere Teile Mittelamerikas.

Mögliche Geschmacksrichtungen: Grapefruit, Papaya und andere tropische Früchte, Kräuter, Gewürze, florale Aromen, Schokolade und eine ausgeprägte sirupartige Süße.

SL28 und SL34 – warum kenianischer Kaffee so berühmt wurde

Die Kürzel SL28 und SL34 stammen von den Scott Agricultural Laboratories in Kenia, wo in den 1930er-Jahren intensiv nach geeigneten Kaffeevarietäten gesucht wurde. SL28 wurde aus „Tanganyika Drought Resistant" selektiert; genetische Untersuchungen ordnen sie der Bourbon-Gruppe zu. Bei SL34 ist die Geschichte komplizierter: Sie galt traditionell als Auswahl aus sogenanntem French-Mission-Kaffee und damit als Bourbon, doch DNA-Analysen ordnen sie eher der Typica-Gruppe zu. WCR hält deshalb für möglich, dass die historische Herkunftserzählung unzutreffend ist.

Dunkel geröstete Kaffeebohnen in einer Schale, umgeben von reifen roten Kaffeekirschen
Je dunkler der Kaffee geröstet wird, desto weniger deutlich tritt die saftige Säure hervor, für die viele kenianische SL-Lots geschätzt werden.

Anbauländer: vor allem Kenia; SL28 findet sich außerdem in Uganda und anderen afrikanischen Ländern und inzwischen in kleinen Mengen auch in Lateinamerika.

Mögliche Geschmacksrichtungen: schwarze Johannisbeere, Brombeere, Grapefruit, Rhabarber, rote Früchte und gelegentlich die für kenianische Kaffees berühmte tomatenartige Aromatik. Typisch für Spitzenlots ist eine intensive, saftige Säure.

Äthiopische Landrassen – die eigentliche Schatzkammer des Arabica

Während große Teile des weltweiten Arabica-Anbaus genetisch eng verwandt sind, besitzt Äthiopien eine wesentlich größere Vielfalt. Die häufige Bezeichnung „Ethiopian Heirloom" ist deshalb keine einzelne Varietät, sondern ein Sammelbegriff für lokal angepasste Populationen und selektierte Linien – regionale Landrassen wie Kurume, Dega oder Wolisho ebenso wie Selektionen wie 74110 oder 74112. Die Selektionen 74110 und 74112 stammen dagegen vom Jimma Agricultural Research Center (JARC), dem Kaffeeforschungszentrum Äthiopiens.

Anbauländer: Äthiopien – vor allem die Regionen Yirgacheffe, Gedeb, Guji, Sidama, Limu, Jimma und Harrar.

Mögliche Geschmacksrichtungen: gewaschen – Jasmin, Bergamotte, Zitrone, Pfirsich, Schwarztee; natural – Blaubeere, Erdbeere, Traube, tropische Früchte. Gerade hier wird deutlich, warum Genetik und Aufbereitung nicht getrennt betrachtet werden sollten.

Gesha – der berühmteste Spezialitätenkaffee

Die Schreibweisen Gesha und Geisha werden im Handel weitgehend synonym verwendet: Gesha entspricht eher der heutigen englischen Schreibweise des äthiopischen Herkunftsgebiets, in den historischen Sammlungsunterlagen wurde dagegen von Anfang an „Geisha" notiert.

Gesha ist genetisch eine äthiopische Landrasse. Pflanzen der später berühmten Linie T2722 wurden in Äthiopien gesammelt, gelangten über Forschungsstationen in Ostafrika nach Costa Rica und wurden über das Tropical Agricultural Research and Higher Education Center in den 1960er-Jahren in Panama verbreitet. Dort blieb die Pflanze zunächst unbeachtet; erst Anfang der 2000er-Jahre sorgten außergewöhnliche Lots bei Wettbewerben und Auktionen für internationale Aufmerksamkeit.

Mittelbraun geröstete Kaffeebohnen in einer hellen Keramikschale, daneben weiße Blüten auf einer Steinfläche
Ob diese Bohnen Gesha sind, ist ihnen nicht anzusehen. In einer DNA-Studie entsprachen nur 39 % der als Gesha geführten Pflanzen der genetischen Referenz.

Der Name allein garantiert allerdings keine genetische Identität: Unter Gesha/Geisha werden mehrere unterschiedliche äthiopische Populationen geführt. Die Panama-Linie aus T2722 ist nach WCR-Analysen dagegen genetisch einheitlich und klar unterscheidbar – relevant bei einem Kaffee, für den Spitzenlots enorme Preise erzielen. Ihr Qualitätspotenzial in geeigneten Höhenlagen bewertet WCR als außergewöhnlich.

Anbauländer: Panama (Boquete, Volcán), Kolumbien, Costa Rica, Guatemala, Äthiopien; zunehmend Peru und Honduras.

Mögliche Geschmacksrichtungen: Jasmin, Orangenblüte, Bergamotte, Pfirsich, Aprikose, Zitrus und schwarzer Tee; teeartig-leichter, aber langer Körper.

Pink Bourbon – warum Namen täuschen können

Pink Bourbon zeigt, dass der Handelsname einer Varietät nicht immer ihre Abstammung beschreibt. Lange galt die in Kolumbien populär gewordene Sorte als Bourbon-Typ oder sogar als Kreuzung von rotem und gelbem Bourbon. Zwei unabhängige Gentests im Auftrag von Cafe Imports liefern jedoch starke Hinweise darauf, dass die untersuchten Pink-Bourbon-Pflanzen keine Bourbon-Abstammung besitzen, sondern einer äthiopischen Landrasse zuzuordnen sind: 2017 stellte DNA Analytica an zwei Pflanzen eine starke genetische Ähnlichkeit zu wilden äthiopischen Kaffeebäumen fest; 2023 untersuchte Christophe Montagnon bei RD2 Vision fünf Proben aus Kolumbien und Costa Rica. Eine davon wurde als „reines" Pink Bourbon eingestuft, zwei zeigten zusätzliche Bourbon-, zwei Catimor-Beimischungen – die gemeinsame Pink-Bourbon-Signatur war in allen Fällen äthiopisch.

Inzwischen übernimmt auch die wissenschaftliche Literatur diese Einordnung – eine 2026 in Botanical Sciences erschienene Metabolomik-Studie führt Pink Bourbon als äthiopische Landrasse, verweist dafür aber auf eben jene Cafe-Imports-Tests. Die Abstammungsdaten beruhen also weiterhin wesentlich auf zwei privaten Analysen, und nicht alle weltweit als Pink Bourbon verkauften Bestände wurden untersucht.

Anbauländer: Kolumbien (vor allem Huila und Cauca), vereinzelt Costa Rica.

Mögliche Geschmacksrichtungen: florale Aromen, Passionsfrucht, Pfirsich, Zitrus und hohe Süße.

Kaffeerost verändert die Arabica-Welt

Typica, Bourbon, Caturra oder SL28 können hervorragende Kaffees hervorbringen, sind aber empfindlich gegenüber Krankheiten, insbesondere Kaffeerost. Zur entscheidenden genetischen Ressource wurde deshalb der Timor-Hybrid, eine natürliche Kreuzung zwischen Coffea arabica und Coffea canephora, über die Resistenzgene in moderne Arabica-Züchtungen gelangten. Daraus entstanden zwei wichtige Gruppen: Catimor aus Kreuzungen mit Caturra und Sarchimor aus Kreuzungen mit Villa Sarchi. Beide sind Sammelbezeichnungen für eine ganze Reihe regional entwickelter Linien, nicht für je eine Varietät.

Nahaufnahme von Kaffeeblättern: links ein gesundes dunkelgrünes Blatt, in der Mitte eines mit orangefarbenem Sporenbelag, rechts unscharf ein weiteres befallenes
Der orange Belag besteht aus Sporen des Kaffeerosts. Starker Befall führt zu Blattfall und schwächt die Reifung der Kirschen.

Anbauländer (Catimor): Kolumbien, Honduras, Mexiko, Indien, Indonesien, Vietnam.

Mögliche Geschmacksrichtungen (Catimor): je nach Generation und Lage sehr unterschiedlich – frühe Linien oft flach bis leicht adstringierend, neuere Selektionen in guten Höhenlagen sauber und süß mit Schokolade und roten Früchten.

Castillo – wie Rostresistenz Kolumbiens Kaffee verändert hat

Einer der bekanntesten Vertreter dieser Resistenzzüchtung ist Castillo, entwickelt aus Caturra und Timor-Hybrid vom kolumbianischen Kaffeeforschungszentrum Cenicafé und 2005 freigegeben. Es ist keine genetisch uniforme Linie, sondern eine zusammengesetzte Varietät mit regionalen Selektionen. Einen landesweiten Anteil allein für Castillo weist die Federación Nacional de Cafeteros, der kolumbianische Kaffeeverband, nicht aus; in ihren Geschäftsberichten nennt sie jedoch 88 Prozent der kolumbianischen Anbaufläche als mit rostresistenten Varietäten bepflanzt – neben Castillo gehören dazu Variedad Colombia, Tabi und Cenicafé 1.

Lange galt Castillo im Spezialitätensegment als zweitklassig. Der Colombia Sensory Trial verglich Castillo und Caturra von Farmen in Nariño unter möglichst ähnlichen Bedingungen: Die klassischen Cupping-Panels bewerteten beide nach Angaben von World Coffee Research im Mittel mit identischen 86 Punkten, während die geschulten Sensoriker der Kansas State University signifikante Unterschiede im Aromaprofil beschreiben konnten. Genau das ist der Punkt – die Varietät kann das Profil prägen, ohne eine Qualitätsrangfolge festzulegen.

Anbauländer: Kolumbien.

Mögliche Geschmacksrichtungen: Schokolade, Karamell, rote Früchte, Zitrus; moderate Säure und weicher Körper. Frühe Catimor-Generationen brachten teils adstringierende Noten mit, die bei guten Castillo-Lots nicht mehr auffallen.

Sarchimor – der zweite große Resistenzzweig

Während Catimor-Linien den Timor-Hybrid mit Caturra verbinden, entstanden Sarchimor-Linien aus Kreuzungen mit Villa Sarchi. Daraus gingen eigenständige Varietäten wie Marsellesa, Parainema und Obatá hervor. Sie unterscheiden sich genetisch und sensorisch deutlich – „Sarchimor" bezeichnet keine einzelne Varietät, sondern eine Gruppe verwandter Züchtungen.

Anbauländer: Nicaragua und Mexiko (Marsellesa), Honduras (Parainema), Brasilien (Obatá).

Mögliche Geschmacksrichtungen: je nach Linie sehr unterschiedlich; Marsellesa oft sauber und süß mit Zitrus und Schokolade, Parainema fruchtig-tropisch, Obatá eher schokoladig und körperreich.

Ruiru 11, Batian und F1-Hybride

Andere Anbauländer gingen eigene Wege. In Kenia entstand zunächst Ruiru 11, das zwar resistent und ertragreich ist, in der Tasse aber hinter den SL-Selektionen zurückblieb – ein Grund, warum später Batian nachgeschoben wurde, das genetisches Material von SL28, SL34, Rume Sudan, K7 und Timor-Hybrid vereint.

Anbauländer: Kenia.

Mögliche Geschmacksrichtungen: Ruiru 11 meist mild und wenig ausgeprägt; Batian kommt dem kenianischen SL-Profil deutlich näher – Johannisbeere, Zitrus, kräftige Säure.

Noch einen Schritt weiter gehen moderne F1-Hybride wie Centroamericano, entstanden aus der rostresistenten Linie T5296 und der äthiopischen Landrasse Rume Sudan. Sie nutzen die große genetische Distanz der Eltern, um Produktivität, Widerstandsfähigkeit und Tassenqualität zu verbinden.

Anbauländer: Nicaragua, Honduras, El Salvador, Costa Rica.

Mögliche Geschmacksrichtungen: mittelamerikanische Süße kombiniert mit ostafrikanischer Fruchtklarheit – Zitrus, rote Beeren, Karamell, floral.

Die Zukunft des Spezialitätenkaffees muss deshalb kein Gegensatz zwischen „alten, wohlschmeckenden" und „modernen, resistenten" Varietäten sein.

Wann werden die wichtigsten Kaffeeherkünfte geerntet?

Weil die Erntezeit eben nicht an der Varietät hängt, sondern vor allem an Herkunft, Klima und Höhenlage, lohnt anschließend der Blick auf den Erntekalender. Die folgende Tabelle ist bewusst nach Ländern und nicht nach Varietäten sortiert:

HerkunftTypisches Erntefenster
Brasilienungefähr Mai–September
Kolumbienregional sehr unterschiedlich; praktisch ganzjährig irgendwo Ernte
Peruungefähr April/Mai–September
ÄthiopienOktober–Januar
KeniaHaupternte Oktober–Dezember/Januar; kleinere „Fly Crop" etwa April–Juli
RuandaMärz–Juni
BurundiMärz–Juli
Costa RicaNovember/Dezember–März
GuatemalaNovember/Dezember–April
El SalvadorNovember–April
HondurasNovember–April
NicaraguaOktober–März
PanamaNovember–März

Diese Angaben sind Näherungen; Höhenlage und Regenmuster verschieben die Ernte auch innerhalb eines Landes erheblich. Besonders gilt das für Kolumbien: Im Zentrum treten bedeutende Ernten sowohl zwischen April und Juni als auch zwischen September und Dezember auf, im Süden ist der Zyklus teilweise invertiert.

Vom Erntekalender zur Kaufentscheidung

Der Kalender ist mehr als Hintergrundwissen, denn Rohkaffee altert. Zwischen Ernte und Ankunft in europäischen Röstereien vergehen je nach Herkunft und Logistik mehrere Monate – und wie schnell der Kaffee danach altert, hängt stark von Temperatur, Feuchtigkeit, Aufbereitung und vor allem der Verpackung ab. In einer 18-monatigen Studie an Natural und Pulped Natural Coffee wurden chemische Veränderungen in durchlässigen Verpackungen messbar, bevor sie sensorisch eindeutig auffielen; ab etwa sechs Monaten wurden die Unterschiede relevant, während Hochbarriere- und Vakuumverpackungen die Qualität wesentlich besser bewahrten.

Geöffnete Kaffeetüte aus Kraftpapier mit Aromaventil und Zipverschluss, daneben ein Häufchen gerösteter Bohnen
Das Ventil lässt nach der Röstung CO₂ entweichen; der Zipverschluss begrenzt später den Luftkontakt. Über die Lagerung des Rohkaffees sagt die Packung wenig.

Das ist praktisch relevant: Erntejahr und Röstdatum ergänzen sich. Das Erntejahr gibt Hinweise auf Alter und Lagerhistorie des Rohkaffees, das Röstdatum auf die Frische nach der Röstung. Eine frische Röstung kann chemische und sensorische Veränderungen, die während einer ungünstigen Rohkaffeelagerung bereits entstanden sind, nicht rückgängig machen.

Was verrät die Varietät nun wirklich über die Tasse?

Die Varietät ist weder unwichtig noch ein Geschmacksorakel. Sie beeinflusst die biologischen Voraussetzungen einer Pflanze: Wuchs, Krankheitsanfälligkeit, Produktivität und einen Teil des möglichen sensorischen Spektrums. Was davon tatsächlich in der Tasse erscheint, entscheidet sich erst im Zusammenspiel mit Umwelt und Verarbeitung.

Die nützlichste Formel für den Kaffeekauf ist deshalb nicht:

Varietät = Geschmack

sondern:

Varietät × Herkunft × Höhenlage × Reife × Aufbereitung × Röstung = Tassenprofil

Für Kaffeetrinker bleibt die Varietät trotzdem eine der spannendsten Informationen auf der Packung. Wer mehrere SL28, Bourbon, Caturra oder Gesha aus unterschiedlichen Herkünften probiert, erkennt mit der Zeit wiederkehrende Muster – ohne zu erwarten, dass zwei Kaffees mit demselben Namen identisch schmecken. Genau darin liegt der Reiz: Typica aus Peru, Pacamara aus El Salvador, SL28 aus Kenia und Gesha aus Panama gehören alle derselben Art Coffea arabica an. Und schmecken trotzdem, als kämen sie aus völlig verschiedenen Welten.

Quellen und weiterführende Links

Genetik und Geschichte des Arabica

Pink Bourbon

Castillo und Kolumbien

Lagerung und Alterung von Rohkaffee

Erntekalender